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Neonazis und Fußball in Ostwestfalen

Fußballfans sind immer wieder Anwerbeversuchen durch Neonazis ausgesetzt und extreme Rechte in den Stadien nutzen die hochschlagenden Emotionen um ihre Parolen zu platzieren. In Bielefeld haben die Rekrutierungsversuche meist nur mäßigen Erfolg. Aber Fußball gehört zur Erlebniswelt der Kameradschaften. Ein Artikel aus der Bielefelder Broschüre zur Ausstellung "Tatort Stadion":

Die Zeit, als Neonazis in geschlossenen Gruppen von 40 bis 50 Personen auf der Alm auftauchten, liegt schon zwei bis drei Jahre zurück. Aber die Anführer der "Kameradschaften" suchen nach wie vor Kontakte zu Fußballfans und Hooligans. "Gerne würden wir Storys über Gewalttäter Sport veröffentlichen", lautete etwa ein Aufruf im Bünder Szenefanzine "Skinhead-Meeting". Die Aufforderung stand unter einem Bericht über die Band "Kategorie C", die Neonazis und Hooligans gleichermaßen anspricht. Aus der Neonaziszene entstanden, gibt sich die Gruppe zwar gerne unpolitisch, spielt aber häufig vor Neonazis, beispielsweise zum Geburtstag der berüchtigten "Borussenfront". Sie bildet eine klassische Schnittstelle, an der Hooligans und Neonazis sich zusammenfinden. Der Name "Kategorie C" entspricht der polizeilichen Einstufung von gewaltbereiten Fußballfans. Der Aufruf des Neonazifanzines aus Bünde wurde prompt befolgt. Seitdem stehen Berichte über die "Dritte Halbzeit" oder eine Party zum 20jährigen Bestehen der Hooligantruppe "Ostwestfalenterror" neben Texten über Neonazikonzerte und Artikeln aus der Szene. Bei letzteren wird Gewalt gegen Andersdenkende und Minderheiten als einigendes Element beschworen: "Wir ziehen nachts los und prügeln uns mit dem Abschaum (...) Weil es unsere Straßen sind! (...) Wir haben eines gemeinsam: Den Kampf um die eigene Straße!"

Fußball und Neonazikonzerte - Erlebniswelt der Kameradschaften

Fußball gehört aber auch zur Erlebniswelt, die Anhänger der Kameradschaften zusammenhält. Heute spielen Parteimitgliedschaften in der Szene nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Zugehörigkeit macht sich an rechtem Lifestyle, neonazistischen Codes, Streetwear und (Un)kultur fest. Selbst in den fest organisierten Kameradschaften gibt es nicht nur Schulungen und Aufmärsche. Freizeitveranstaltungen, Besuche von Sonnenwendfeiern, Konzerte neonazistischer Bands, Sport und eben Fußball sollen die Anhängerinnen und Anhänger an die Gruppen binden und über die Freizeitgestaltung eine feste Gemeinschaft schaffen. Gerade Jugendlichen fällt der Ausstieg aus solchen Gruppen schwer. Neben Besuchen auf der Alm finden in der Region alljährlich eigene Fußballturniere der Neonaziszene statt. Zuerst war ein Platz an der von Neonazis als SS-Kultstätte verehrten Wewelsburg der Austragungsort. Später übernahm die Kameradschaft in Bünde die Organisation des sogenannten "OWL Cup". Rund 10 Mannschaften aus der Region und der ganzen Bundesrepublik traten in den letzten Jahren gegeneinander an.

Eine besondere "Fußballleidenschaft" zeigt die in Bad Salzuflen beheimatete Kameradschaft "Boot Bois Lippe". In ihrem bisher zweimal erschienen Fanzine "Herrlich Hermannsland" berichtet sie regelmäßig über Besuche von Heim- und Auswärtsspielen der Arminia. Das Sportereignis steht dabei eindeutig im Hintergrund. Wichtiger ist die Alm als Kontaktbörse, wo etwa Informationen über konspirativ organisierte Neonazikonzerte ausgetauscht werden können. "Dem Gegener, Vfl Wolfsburg, wurde nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da ich das Ergebnis aus meinem Traum schon kannte. So wurde das Spiel auch Nebensache", schreibt ein Aktivist der Gruppe. "In der Halbzeit, es stand mittlerweile übrigens 1:0 für unsere Arminia, erfuhr man dann, dass am Abend im Raum Norddeutschland ein Konzert mit Propaganda, Frontalkraft und Special Guest stattfinden sollte. (...) Nun, da sich zurzeit mehrere Pro Deutsch orientierte Regimekritiker in meiner Nähe befanden, unterrichtete man sie, und stellte die Frage, ob sie auch der musikalischen Darbietung beiwohnen wollen."

"Die Kanaken vom Bosborus" - Verbreitung von Rassismus

Mitunter werden Freizeit und Politik auch geschickt miteinander verbunden. Auf der Bielefelder Alm verteilten die Kameradschaften in der Vergangenheit Flugblätter, um rassistische Stimmungen zu schüren. Unter der Überschrift "Geld statt Ehre oder Ehre statt Geld?" wurden Spieler deutscher Herkunft als Kämpfer und Helden gefeiert, Spieler ausländischer Herkunft dagegen als ehrlos und geldgierig dargestellt. Verantwortlich für die Pamphlete zeichnete Larissa Wagner, die nach einem Bericht der Neuen Westfälischen vom August 2000 zum Kreis um den Bielefelder Kameradschaftsführer Bernd Stehmann und den langjährigen Neonaziaktivisten Meinhard Otto Elbing gehören soll. Elbing wurde erst kürzlich beim Oberligaspiel Vfb Fichte gegen Arminia Bielefeld am 6. Dezember beim Verteilen von Propagandaschriften beobachtet. Diesmal im Umfeld der Rußheide. Unter den Scheibenwischern ihrer Autos fanden viele Fußballfreundinnen und -freunde einen Sonderdruck der extrem rechten Zeitschrift "Unabhängigen Nachrichten". Geschickt wird in dem Pamphlet der Anteil ausländischer Spieler in der Bundesliga auf die Gesamtgesellschaft übertragen und das Szenario von den Deutschen als Minderheit im eigenen Land beschworen. Das Blatt ist nach Eigenangaben extra "zur Weitergabe an Fanklubs, Vereinslokale usw...." konzipiert worden. Dem dienen wohl auch die Titel "Deutschland blutet aus - nicht nur beim Fußball" oder "Was hat Fußball denn mit Politik zu tun?"

Vor allem der Bielefelder Kameradschaftsanführer Bernd Stehmann propagiert auch rassistische Gewalt beim Fußball. Stehmann verantwortet das professionell aufgemachte Neonazifanzine "Unsere Welt". Dort erklärte die Neonaziband "Nahkampf" in einem Interview ihre Sympathie mit der Terrorgruppe "Combat 18": "White power through political Terror (dt.: Macht der Weißen durch politischen Terror) ist ihr Weg, mit dem wir sympathisieren und den wir auf keinen Fall verurteilen werden." Auf die folgende Frage "Gewalt beim Fußball?" antwortet die Gruppe: "Die beste Trainingsmöglichkeit für den Ernstfall, ein gesundes Kräftemessen unter germanischen Volksstämmen gab es zu allen Zeiten. Unter Deutschen keine Waffen... ansonsten... wo gehobelt wird fallen Späne!" Der Sänger der Gruppe Nahkampf ist auch Mitglied der bei unpolitischen Hooligans und Neonazis gleichermaßen beliebten Band "Kategorie C". Ein anderer Artikel ist in Anspielung auf die pogromartigen Ausschreitungen 1993 in Rostock-Lichtenhagen "Barbecue in Denmark" überschrieben. "Barbecue in Rostock" ist eine makaber-zynische Phrase der Neonaziszene für die brennenden Flüchtlingsunterkünfte. Der Bericht handelt vom UEFA-Cup Finale einer türkischen und engländischen Mannschaft in Kopenhagen. Dazu seien Hooligans und Neonazis aus ganz Mittel- und Nordeuropa angereist, "um die Engländer gegen die überall unbeliebten Türken, zu unterstützen", darunter auch mehrere Sektionen der in der Bundesrepublik verbotenen "Blood & Honour" Bewegung. Bei den Ausschreitungen wurden türkische Fans angegriffen und Scheiben türkischer Läden eingeworfen. Der Bericht endet mit den Worten: "Ach ja, die Kanaken (türk. Mensch) vom Bosborus gewannen das Spiel durch Elfmeterschießen, doch wir die 3. Halbzeit. Alles war gut organisiert und wenn Weiße zusammen kämpfen, dann Gnade ihnen ihre Götter."

Reichskriegsfahnen und rechte Stimmungen

Bei der letzten Fußballweltmeisterschaft traten nach siegreichen Spielen der deutschen Mannschaft Neonazis vor ihrem Treffpunkt "Postmeister" am Kesselbrink mit Reichskriegsfahnen auf. Den "Postmeister" gibt es nicht mehr und auch der Versuch, unter den jubelnden Fans in der Innenstadt eine nationalistische Stimmung zu schüren, misslang gründlich. Es ist auch kaum Fußballleidenschaft, die Neonazis in die Stadien treibt. Extreme Rechte nutzen Emotionalisierung und vorhandene rechte Stimmungen, um ihre Parolen zu verbreiten. Zugleich beziehen sie aus alltäglichen Diskriminierungen und Nationalismen ihre vermeintliche Legitimation für Gewalt. Sie verstehen sich als militante Speerspitze des sogenannten "Volkswillens". Daher können rassistische oder nationalistische Sprüche, egal ob sie von Politikern, Sportfunktionären oder Fans stammen, auch eine Motivation für sie darstellen.

Die bunt zusammengesetzte Mannschaft von Arminia Bielefeld dürfte es den Neonazis nicht gerade erleichtern. auf der Alm für sich zu werben. In letzter Zeit sind rassistische Beschimpfungen afrikanischer Spieler oder antisemitische Rufe gegen Schiedsrichter eher selten. Sie erinnern nicht nur an die Zeit des Nationalsozialismus - sie sind auch unfair. Fußballfans sollten nicht hinnehmen, das der Sport für die Verbreitung von Rassenhass, Nationalismus und Antisemitismus funktionalisiert wird. Ausländerfeindliche Flugblätter und Transparente mit Neonazicodes haben beim Fußball nichts zu suchen.

Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es auf der Website der Bielefelder VeranstalterInnen der Ausstellung Tatort Stadion und der auf der Website von Tatort Stadion

(Antifa West, Januar 2004)